Archiv des Autors: Tobias Städtler

Advent im Hause Rosegger

Teil 1 von 2 der Weihnachtsgeschichte von Peter Rosegger: Einer Weihnacht Lust und Gefahr, aus: Waldheimat, Erster Band: Das Waldbauernbübel, Die Geschichte hat er erstmals in Illustrierte Welt, 1871, unter dem Titel Eine Weihnacht veröffentlicht. (Heutiges Urheberrecht: gemeinfrei.)

In unserer Stube, an der mit grauem Lehm übertünchten Ofenmauer, stand jahraus jahrein ein Schemel aus Ahornholz. Er war immer glatt und rein gescheuert, denn er wurde, wie die anderen Stubengeräte, jeden Samstag mit feinem Bachsande und einem Strohwisch abgerieben. In der Zeit des Frühlings, des Sommers und des Herbstes stand dieser Schemel leer und einsam in seinem Winkel, nur zur Abendzeit zog ihn die Ahne etwas weiter hervor, kniete auf denselben hin und verrichtete ihr Abendgebet.

Als aber der Spätherbst kam mit den langen Abenden, an welchen die Knechte in der Stube aus Kienscheitern Leuchtspäne kloben, und die Mägde, sowie auch meine Mutter und Ahne Wolle und Flachs spannen, und als die Adventszeit kam, in welcher an solchen Span- und Spinnabenden alte Märchen erzählt und geistliche Lieder gesungen wurden, da saß ich beständig auf dem Schemel am Ofen.

Spinnrad im Hause Rosegger (Foto:
sommerhitz, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons)

Aber die langen Adventnächte waren bei uns immer sehr kurz. Bald nach zwei Uhr begann es im Hause unruhig zu werden. Oben auf dem Dachboden hörte man die Knechte, wie sie sich ankleideten und umhergingen, und in der Küche brachen die Mägde Späne ab und schürten am Herde. Dann gingen sie alle auf die Tenne zum Dreschen.

Auch die Mutter war aufgestanden und hatte in der Stube Licht gemacht; bald darauf erhob sich der Vater und sie zogen Kleider an, die nicht ganz für den Werktag und auch nicht ganz für den Feiertag waren. Dann sprach die Mutter zur Ahne, die im Bette lag, einige Worte, und wenn ich, erweckt durch die Unruhe, auch was sagte, so gab sie mir zur Antwort: »Sei du nur schön still und schlaf!« – Dann zündeten meine Eltern eine Laterne an, löschten das Licht in der Stube aus und gingen aus dem Hause. Ich hörte noch die äußere Türe gehen und ich sah an den Fenstern den Lichtschimmer vorüberflimmern und ich hörte das Ächzen der Tritte im Schnee und ich hörte noch das Rasseln des Kettenhundes. – Dann wurde es ruhig, nur war das dumpfe, gleichmäßige Pochen der Drescher zu vernehmen, dann schlief ich wieder ein.

Der Vater und die Mutter gingen in die mehrere Stunden entfernte Pfarrkirche zur Rorate. Ich träumte ihnen nach, ich hörte die Kirchenglocken, ich hörte den Ton der Orgel und das Adventlied: Maria, sei gegrüßet, du lichter Morgenstern! Und ich sah die Lichter am Hochaltare, und die Engelein, die über demselben standen, breiteten ihre goldenen Flügel aus und flogen in der Kirche umher, und einer, der mit der Posaune über dem Predigtstuhl stand, zog hinaus in die Heiden und in die Wälder und blies es durch die ganze Welt, daß die Ankunft des Heilandes nahe sei.

Hier evtl. Bild Hochaltar (seitlich) von Kathrein

Als ich erwachte, strahlte die Sonne schon lange zu den Fenstern herein und draußen flimmerte der Schnee, und die Mutter ging wieder in der Stube umher und war in Werktagskleidern und tat häusliche Arbeiten.

Das Bett der Ahne neben de dem meinigen war auch schon geschichtet und die Ahne kam nun von der Küche herein und half mir die Höschen anziehen und wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser, daß ich aus Empfindsamkeit zugleich weinte und lachte. Als dieses geschehen war, kniete ich auf meinen Schemel hin und betete mit der Ahne den Morgensegen:

In Gottes Namen aufstehen,
Gegen Gott gehen,
Gegen Gott treten,
Zum himmlischen Vater beten,
Daß er uns verleih‘
Lieb‘ Engelein drei:
Der erste, der uns weist
Der zweite, der uns speist,
Der dritte, der uns behilft‘ und bewahrt,
Daß uns an Leib und Seel‘ nichts widerfahrt.

Nach dieser Andacht erhielt ich meine Morgensuppe, und nach derselben kam die Ahne mit einem Kübel Rüben, die wir nun zusammen zu schälen hatten. Ich saß dabei auf meinem Schemel. Aber bei dem Schälen der Rüben konnte ich die Ahne nie vollkommen befriedigen; ich schnitt stets eine zu dicke Schale, ließ sie aber stellenweise doch wieder ganz auf der Rübe. Wenn ich mich dabei gar in den Finger schnitt und gleich zu weinen begann, so sagte die Ahne immer sehr unwirsch: »Mit dir ist wohl ein rechtes Kreuz, man soll dich frei hinauswerfen in den Schnee!« Dabei verband sie mir die Wunde mit unsäglicher Sorgfalt und Liebe.

So vergingen die Tage des Advents, und ich und die Ahne sprachen immer häufiger und häufiger von dem Weihnachtsfeste und von dem Christkinde, das nun bald kommen werde.

Anton Paul Heilmann, Roseggers Geburtshaus in Krieglach, Aquarell 1910 (gemeinfrei), ursprünglich ein Sommerbild, durch KI in ein Winterbild verwandelt

Je mehr wir dem Feste nahten, um so unruhiger wurde es im Hause. Die Knechte trieben das Vieh aus dem Stalle und gaben frische Streu hinein und stellten die Barren und Krippen zurecht; der Halterbub striegelte die Ochsen, daß sie ein glattes Aussehen bekamen; der Futterbub mischte mehr Heu in das Stroh als gewöhnlich und bereitete davon einen ganzen Stoß in der Futterkammer. Die Kuhmagd tat das gleiche. Das Dreschen hatte schon einige Tage früher aufgehört, weil man durch den Lärm die nahen Feiertage zu entheiligen glaubte.

Im ganzen Hause wurde gewaschen und gescheuert, selbst in die Stube kamen die Magde mit ihren Wasserkübeln und Strohwischen und Besen hinein. Ich freute mich immer sehr auf dieses Waschen, weil ich es gern hatte, wie alles drunter und drüber gekehrt wurde, und weil die Heiligenbilder im Tischwinkel, die braune Schwarzwälderuhr mit ihrer Metallschelle und andere Dinge, die ich immer sonst nur von der Höhe zu sehen bekam, herabgenommen und mir näher gebracht wurden, so daß ich alles viel genauer betrachten konnte. Freilich war nicht erlaubt, dergleichen Dinge anzurühren, weil ich noch zu ungeschickt und unbesonnen dafür wäre und die Gegenstände leicht beschädigen könne. Aber es gab doch Augenblicke, da man im eifrigen Waschen und Reiben nicht auf mich achtete.

In einem solchen Augenblicke kletterte ich einmal über den Schemel auf die Bank und von der Bank auf den Tisch, der aus seiner gewöhnlichen Stellung gerückt war und auf dem die Schwarzwälderuhr lag. Ich machte mich an die Uhr, von der die Gewichte über den Tisch hingen, sah durch ein offenes Seitentürchen in das messingene, sehr bestaubte Räderwerk hinein, tupfte einigemal an die kleinen Blätter des Windrädchens und legte die Finger endlich selbst an das Rädchen, ob es denn nicht gehe; aber es ging nicht. Zuletzt rückte ich auch ein wenig an einem Holzstäbchen, und als ich das tat, begann es im Werk fürchterlich zu rasseln. Einige Räder gingen langsam, andere schneller und das Windrädchen flog, daß man es kaum sehen konnte. Ich war unbeschreiblich erschrocken, ich kollerte vom Tisch über Bank und Schemel auf den nassen, schmutzigen Boden hinab; da faßte mich schon die Mutter am Röcklein. Das Rasseln in der Uhr wollte gar nicht aufhören, und zuletzt nahm mich die Mutter mit beiden Händen und trug mich in das Vorhaus und schob mich durch die Tür hinaus in den Schnee und schlug die Türe hinter mir zu. Ich stand wie vernichtet da, ich hörte von innen noch das Greinen der Mutter. die ich sehr beleidigt haben mußte, und ich hörte das Scheuern und Lachen der Mägde, und noch immer das Rasseln der Uhr.

Als ich eine Weile dagestanden und geschluchzt hatte, und als gar niemand gekommen war, der Mitleid mit mir gehabt hätte, ging ich nach dem Pfade, der in den Schnee getreten war, über den Hausanger und über das Feld dem Walde zu. Ich wußte nicht, wohin ich wollte, dachte auch nicht weiter daran.

Aber ich war noch nicht zu dem Walde gekommen, als ich hinter mir ein grelles Pfeifen hörte. Das war das Pfeifen der Ahne.

»Wo willst du denn hin, du dummes Kind,« rief sie, »wart‘, wenn du so im Wald herumlaufen willst, so wird dich schon die Mooswaberl abfangen, wart‘ nur!«

Auf dieses Wort kehrte ich augenblicklich um gegen das Haus, denn die Mooswaberl fürchtete ich sehr.

Ich ging aber immer noch nicht hinein, ich blieb im Hofe stehen, wo der Vater und zwei Knechte gerade ein Schwein aus dem Stalle zogen, um es abzustechen. Über das ohrenzerreißende Schreien des Tieres und über das Blut, das ich nun sah, und das eine Magd in einen Topf auffing, vergaß ich das Vorgefallene, und als der Vater im Vorhaus das Schwein abhäutete, stand ich schon wieder dabei und hielt die Zipfel der Haut, die er mit einem großen Messer von dem speckigen Fleisch immer mehr und mehr lostrennte. Als später die Eingeweide herausgenommen waren und die Mutter Wasser in das Becken goß, sagte sie zu mir: »Geh‘ weg da, sonst wirst du ganz angespritzt!«

Aus diesen Worten entnahm ich, daß die Mutter mit mir wieder versöhnt sei, und nun war alles gut, und als ich in die Stube kam, um mich zu erwärmen, stand da alles an seinem gewöhnlichen Platz. Boden und Wände waren noch feucht, aber rein gescheuert, und die Schwarzwälderuhr hing wieder an der Wand und tickte. Und sie tickte viel lauter und heller durch die neu hergestellte Stube, als früher.

Endlich nahm das Waschen und Reiben und Glätten ein Ende, im Hause wurde es ruhiger, fast still, und der heilige Abend war da. Das Mittagsmahl am heiligen Abend wurde nicht in der Stube eingenommen, sondern in der Küche, wo man das Nudelbrett als Tisch eignete und sich um dasselbe herumsetzte und das einfache Fastengericht still, aber mit gehobener Stimmung verzehrte.

Der Tisch in der Stube war mit einem schneeweißen Tuche bedeckt, und vor dem Tische stand mein Schemel, auf welchen sich zum Abend, als die Dämmerung einbrach, die Ahne hinkniete und still betete.

Mägde gingen leise durch das Haus und bereiteten ihre Festtagskleider vor und die Mutter tat in einen großen Topf Fleischstücke, goß Wasser daran und stellte ihn zum Herdfeuer. Ich schlich in der Stube auf den Zehenspitzen herum und hörte nichts, als das lustige Prasseln des Feuers in der Küche. Ich blickte auf meine Sonntagshöschen und auf das Jöppel und auf das schwarze Filzhütlein, das schon an einem Nagel der Wand hing, und dann blickte ich durch das Fenster in die hereinbrechende Dunkelheit hinaus. Wenn kein ungünstiges Wetter eintrat, so durfte ich in der Nacht mit dem Großknecht in die Kirche gehen. Und das Wetter war ruhig und es würde auch, wie der Vater sagte, nicht allzu kalt werden, weil auf den Bergen Nebel liege.

Unmittelbar vor dem »Rauchengehen«, in welchem Haus und Hof nach alter Sitte mit Weihwasser und Weihrauch besegnet wird, hatten der Vater und die Mutter einen kleinen Streit. Die Mooswaberl war da gewesen, hatte glückselige Feiertage gewünscht und die Mutter hatte ihr für den Festtag ein Stück Fleisch geschenkt. Darüber war der Vater etwas ungehalten; er war sonst ein Freund der Armen und gab ihnen nicht selten mehr, als unsere Verhältnisse es erlauben wollten, aber der Mooswaberl sollte man seiner Meinung nach kein Almosen reichen. Die Mooswaberl war ein Weib, das gar nicht in die Gegend gehörte, das unbefugt in den Wäldern umherstrich, Moos und Wurzeln sammelte, in halbverfallenen Köhlerhütten Feuer machte und schlief. Daneben zog sie bettelnd zu den Bauernhöfen, wollte Moos verkaufen, und da sie keine Geschäfte machte, verfluchte sie das Leben. Kinder, die sie ansah, fürchteten sich entsetzlich vor ihr und viele wurden krank; Kühen tat sie an, daß sie rote Milch gaben.

Wer ihr eine Wohltat erwies, den verfolgte sie einige Minuten und sagte ihm: »Tausend und tausend vergelt’s Gott bis in den Himmel hinaus.«

Wer sie aber verspottete oder sonst auf irgendeine Art beleidigte, zu dem sagte sie: »Ich bete dich hinab in die unterste Höllen!«

Zaunstiegel (Foto: Stile eight by Bill Nicholls, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons)

Die Mooswaberl kam oft zu unserem Hause und saß gern vor demselben auf dem grünen Rasen oder auf dem Querbrett der Zaunstiegel, trotz des heftigen Bellens und Rasselns unseres Kettenhundes, der sich gegen dieses Weib besonders unbändig zeigte. Aber die Mooswaberl saß so lange vor dem Hause, bis die Mutter ihr eine Schale Milch, oder ein Stück Brot, oder beides hinaustrug. Meine Mutter hatte es gern, wenn das Weib sie durch ein tausendfaches Vergeltsgott bis in den Himmel hinauf wünschte. Der Vater legte dem Wunsch dieser Person keinen Wert bei, war er ein Segensspruch oder ein Fluch.

Als man draußen in einem Dorfe vor Jahren das Schulhaus baute, war dieses Weib mit dem Manne in die Gegend gekommen und hatte bei dem Baue mitgeholfen, bis er bei einer Steinsprengung getötet wurde.

Seit dieser Zeit arbeitete sie nicht mehr und zog auch nicht fort, sondern trieb sich herum, ohne daß man wußte, was sie tat und was sie wollte. Zum Arbeiten war sie nicht mehr zu bringen; sie schien geisteskrank zu sein.

Der Richter hatte die Mooswaberl schon mehrmals aus der Gemeinde gewiesen, aber sie war immer wieder zurückgekommen. »Sie würde nicht immer zurückgekommen sein,« sagte mein Vater, »wenn sie in dieser Gegend nichts gebettelt bekäme. So wird sie hier verbleiben und wenn sie alt und krank ist, müssen wir sie auch pflegen; das ist ein Kreuz, welches wir uns selbst an den Hals gebunden haben.«

Die Mutter sagte nichts zu solchen Worten, sondern gab der Mooswaberl, wenn sie kam, immer das gewohnte Almosen, und heute noch etwas mehr, zu Ehren des hohen Festes.

Darum also war der kleine Streit zwischen Vater und Mutter gewesen, der aber alsogleich verstummte, als zwei Knechte mit dem Rauch- und Weihwassergefäß in das Haus kamen.

Nach dem Rauchen stellte der Vater ein Kerzenlicht auf den Tisch, Späne durften heute nur in der Küche gebrannt werden. Das Nachtmahl wurde schon wieder in der Stube eingenommen. Der Großknecht erzählte während desselben Weihnachtsgeschichten.

Neue Literatur über Ziegelhausen 2025

Jahrbuch „Heidelberg“ 2026 erschienen

Heidelberg – Jahrbuch 2026

Heidelberg – Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, Jahrgang 30, 2026, die wissenschaftliche Zeitschrift des Heidelberger Geschichtsvereins e.V., wurde am 25. November in einer Veranstaltung in der Stadtbücherei der Öffentlichkeit vorgestellt und ist seitdem in den Buchhandlungen zu erhalten.

Unter den vielfältigen Themen sind diesmal wieder zwei Beiträge zu Ziegelhausen dabei und einer über den Centwald:

  • Klaus Fanz, Reinhard Hoppe – Lehrer und Heimatforscher in Ziegelhausen (10 Seiten)
    – Seine ambivalente Vergangenheit führte in diesem Jahr zur Aberkennung der nach ihm benannten Straße
  • Klaus Fanz, Ziegelhausen wurde Heidelberg – Rückblick auf die Jahre der Eingemeindung (11 Seiten)
    – Klaus Fanz erinnert an den erbitterten Widerstand gegen die Eingemeindung … – ein Stück Lokalpolitik, das bis heute nachwirkt. (aus dem Vorwort)

Ich selbst kann über meine Forschungen zu den ältesten Flurnamen berichten:

  • Tobias Städtler, Darmuth, Aberines und weitere alte Bergnamen (14 Seiten)

Schon lange hat mich interessiert, wo der alte Name des Weißen Steins, Darmuth herkommt, ob er vielleicht keltischen Ursprungs sein kann. Ebenso spannend fand ich die Frage, ob der älteste überlieferte Name des Heiligenbergs, Aberines(berg), auf die keltische Bevölkerung zurückgehen kann oder jünger ist. Da ich darüber nichts brauchbares finden konnte dachte ich mir, was ich gern lesen würde und nicht vorhanden ist, muss ich selber schreiben. Wohin überall mich meine Recherchen in Gedanken führen würden, konnte ich nicht ahnen, auch nicht dass ich im Laufe der Arbeit daran weiter kommen konnte, als ich gedacht habe. Zu welchen Ergebnissen ich gekommen bin, lässt der Text der Buchbeschreibung erahnen:

„Noch älter sind die Berg- und Flurnamen des Heidelberger Raums, deren keltisch-vorrömische Wurzeln als Teil lebendiger Landschaftsidentität entschlüsselt werden.“

Im Vorwort heißt es: „… ein Beispiel dafür, wie uralte Landschaftsbezeichnungen bis heute fortleben und Teil unserer Identität geblieben sind. Sprachwissenschaft, Topographie und Archäologie verbinden sich hier zu einer Spurensuche in der Landschaft Heidelbergs.“

Daten zum Buch:
312 Seiten
2025
Kurpfälzischer Verlag
978-3-910886-14-8 (ISBN)
22,00 €

Neue Schriften über Ziegelhausen, Peterstal und Schlierbach

  • Robert Keuchenius, Deliciae Palatinae – Köstlichkeiten der Kurpfalz, Band I Edition, Band II Kommentar, Herausgegeben von J. Büge, P. Mathes, W. Schouwink, H. Wiegand, Heidelberg 2024 – mit einem Gedicht zum Fürstenbrunnen – UB: 2024 A 9371 (Freih Altst)

Der Niederländer Robertus Keuchenius (1636–1673) war Jurist, Philologe und neulateinischer Dichter. In der vorliegenden Ausgabe werden die Gedichte erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ediert, übersetzt und kommentiert.

  • Unser Land 2025, Heimatkalender für Neckartal, Odenwald, Bauland und Kraichgau, 2025, darin folgende drei Beiträge:
  • Erich Lehn, Quellen in Ziegelhausen und Peterstal, in: Unser Land 2025, S. 60-62
  • Arno Ehrhard, Hoher Besuch in Ziegelhausen, Auszüge aus dem Tagebuch von Kurfürst Friedrich IV. (1596-1599), in: Unser Land 2025. S. 55-59
  • Erich J. Lehn, Die große Mehrheit war dagegen, Eingemeindung von Ziegelhausen nach Heidelberg 1.1.1975, in: Unser Land 2025, S. 245-248

Bereits in Unser Land 2024 erschien:

  • Erich J. Lehn, Der Ingenieursweg, Eine bautechnische Meisterleistung im Neckartal, 129f (Schlierbach)

und in Unser Land 2023:

  • Erich J. Lehn, Schnee war gestern, Freud und Leid zur Winterszeit im vorigen Jahrhundert, 275-277, abrufbar auf Neckarundsteinbach
  • Arno Ehrhard, Der Bau der Neckarbrücke in Ziegelhausen, 218-221, abrufbar auf Neckarundsteinbach

Ziegelhausen, Brahms, die Oper und zwei Sängerfreundinnen

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Julius Allgeyer, Johannes Brahms und Hermann Levi (v. l.) in Karlsruhe, etwa 1869


Eine Oper von Brahms? …fragen Sie sich vielleicht – die kenne ich nicht. Brahms hat auch keine Oper geschrieben. Aber er hatte es vor. Zunächst schien El secreto a voces, Das offene Geheimnis, des spanischen Dichters Pedro Calderón de la Barca (1600 – 1681) eine geeignetes Thema zu sein. 1869 bat Brahms in Karlsruhe den eng befreundeten Fotografen und Kupferstecher Julius Allgeyer, die Übersetzung des Werkes zu einen Opernlibretto umzugestalten. Allgeyer schuf das Libretto, Brahms dennoch keine Oper. 1871 erhielt er aus seinem Freundeskreis zwei Operntextentwürfe, von der Karlsruher Schriftstellerin Anna Ettlinger zur Sage der Melusine und nach dessen Ablehnung vom Karlsruher Pfarrer Emil Zittel, einem Vertreter des protestantischen Liberalismus, über das alttestamentliche Hohelied. Beide Texte hatte der mit Brahms eng befreundete Hofkapellmeister Hermann Levi vermittelt. Er hätte sehr gern eine Oper von Brahms dirigiert und zeigte großen Einsatz, ihm zu einem Libretto zu verhelfen. Im Jahre 1873 wählte Brahms Tutzing am Starnberger See zu seinem Sommer-Arbeitsaufenthalt. Dort wollte er nun beginnen, eine Oper zu komponieren. Einen Entwurf für ein Libretto zu einer Oper über den Ritter Bayard hatte er von Paul Heyse erhalten. Er sprach noch mehrmals in München mit dem Schriftsteller und mit Hermann Levi darüber. Aber schließlich widmete er sich in Tutzing einigen anderen Kompositionen und verwarf den Opernplan.

In Heidelberg war er mit der Schriftstellerin Henriette Feuerbach im Gespräch, ob sie ihm einen Operntext schreiben könnte. Henriette Feuerbach hatte ein geräumiges Haus in der Heidelberger Theaterstraße. Dort veranstaltete sie zahlreiche musikalische Salons, bei denen bedeutende Musiker zu Gast waren. Als Brahms im Sommer 1875 in Ziegelhausen weilte, war auch er mehrmals zu Besuch dort. In Feuerbachs Haus waren einige Werke ihres Stiefsohns, des Malers Anselm Feuerbach, ausgestellt. Brahms hielt viel auf seine Kunst und es verband beide eine Freundschaft. In Brahms Nachlaß schließlich fand man einen Operntext von Henriette Feuerbach. Eine Oper von Brahms wurde dennoch nie daraus.

Anselm Feuerbach: Paolo und Francesca (Francesca von Rimini)
Anselm Feuerbach: Henriette Feuerbach

Der aus Österreich stammende, in der Schweiz lebende Schriftsteller Joseph Viktor Widmann gehörte ebenfalls zum Freundeskreis von Brahms. Er hielt sich wiederholt in Heidelberg auf. Er war es, der eine Begebenheit um den legendären Pfarrer Schmezer aus Ziegelhausen, den flottesten Pfarrherr des Jahrhunderts, wie man ihn nannte, dem Schweizer Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer mitteilte, der die Geschichte als Grundlage für seine Novelle Der Schuß von der Kanzel nahm. Schmezer ging übrigens im Brahmsjahr 1875 in den Ruhestand, nachdem er seit 1840 Ziegelhäuser evangelischer Pfarrer war. Auch mit Widmann hatte Brahms über Opernvorhaben gesprochen. 1888 wandte sich Brahms nun endgültig davon ab und schrieb an Widmann, er werde „keine Oper und keine Heirat mehr versuchen“.

Widmann hat den Operntext Der Widerspänstigen Zähmung nach dem gleichnamigen Theaterstück von William Shakespeare geschrieben. Die Musik dazu schuf der Komponist Hermann Götz (1840 Königsberg, Ostpreußen – 1876 Hottingen ZH, Schweiz). Der Mannheimer Hofkapellmeister Ernst Frank und Brahms unterstützten den Komponisten. Uraufführung von Der Widerspänstigen Zähmung war am 11. Oktober 1874 im Nationaltheater Mannheim, in Anwesenheit des Komponisten und des Textdichters. Götz war schwer krank aus der Schweiz angereist und verfolgte die Vorstellung von einer Proszeniumsloge, also einer bühnennahen Loge aus, indem er dort auf einem Sofa liegen konnte. Ernst Frank dirigierte die Oper. Es folgten am 18. 10., 1. 11. und 20. 12. 1874 sowie am 17. 2., 2. 5. und 15. 8. 1875 weitere Aufführungen. Götz, das Nationaltheater und die Sängerin der Titelrolle, die Sopranistin Ottilie Ottiker, feierten große Erfolge mit der Oper. Johannes Brahms besuchte von Ziegelhausen aus die Aufführung am 15. August 1875. Sie dauerte von sechs bis neun Uhr. Brahms war mit dem Zug gefahren.

Der Widerspänstigen Zähmung, Nationaltheater Mannheim 1874


Eine Vorstellung davon, was Brahms zu sehen bekam, gibt eine Fotografie von 1874. Dritte von rechts ist die Sopranistin Ottilie Ottiker in der Rolle der Katharine, erste von links die Sopranistin Ida Auer-Herbeck als Bianca. An der Wand hängen Portraits von Brahms, links, und Ernst Frank.

Johannes Brahms erhielt in Ziegelhausen Besuch von „zwei allerliebsten Sängerinnen aus Mannheim“, nämlich den beiden genannten Opernsängerinen. Ottilie Ottiker und Ida Auer-Herbeck trugen mit Brahms am Klavier in Ziegelhausen und beim Klavierbauer Trau in Heidelberg die in Ziegelhausen frisch komponierten Duette für Sopran und Alt Op. 66 Nr. 3–5 vor.

Liedtexte

Am Strande

Es sprechen und blicken die Wellen
Mit sanfter Stimme,
Mit freundlichem Blick,
Und wiegen die träumende Seele
In ferne Tage zurück.
Aus fernen, verklungenen Tagen
Spricht’s heimlich
Mit sanften Stimmen zu mir.
Schaut’s heimlich
Mit freundlichen Blicken
Zum Wandrer am Strande hier.
Mir ist, als hätten die Stimmen
Die je die Seele
Mir sanft bewegt
Und alle die freundlichen Blicke
Sich in die Wellen gelegt.

Jägerlied

Jäger, was jagst du die Häselein?
Häselein jag’ ich, das muß so sein.
Jäger, was steht dir im Auge dein?
Tränen wohl sind es, das muß so sein.

Jäger, was hast du im Herzelein?
Liebe und Leiden, das muß so sein.
Jäger, wann holst du dein Liebchen heim?
Nimmer, ach nimmer, das muß so sein.

Hüt du dich!

Ich weiß ein Mäd’lein hübsch und fein,
hüt du dich!
Es kann wohl falsch und freundlich sein,
hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich!

Sie hat zwei Äuglein, die sind braun,
hüt du dich!
Sie werden dich verliebt anschaun,
hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich!

Sie hat ein licht goldfarb’nes Haar,
hüt du dich!
Und was sie red’t, das ist nicht wahr,
hüt du dich!
Vertrau ihr nicht, sie narret dich!

Sie hat zwei Brüstlein, die sind weiß,
hüt du dich!
Sie legt’s hervor mit allem Fleiß,
hüt du dich!
Vetrau ihr nicht, sie narret dich!

Sie gibt dir’n Kränzlein fein gemacht,
hüt du dich!
Für einen Narr’n wirst du gemacht,
hüt du dich!
Vetrau ihr nicht, sie narret dich!


Der Mannheimer Joseph Kinkel, der beide Sängerinnen in zahlreichen Aufführungen erlebt hatte, beschreibt in den Mannheimer Geschichtsblättern 1926 Ottilie Ottiker als liebenswürdige und stimmlich begabte, märchenhafte Sängerin. Sie war eine der Lieblinge der Mannheimer. Bei ihrem Evchen (Meistersinger) bot sie eine poesieumflossene Darstellung. Ida Auer-Herbeck schildert er als reizende, stimmlich und darstellerisch gleich vorzüglich begabte Sängerin.

Ida Auer-Herbeck (16. Februar 1851 Dijon, Frankreich – 16. August 1915 Toronto, Kanada), Sopranistin, war von 1874 bis mindestens 1879 am Nationaltheater Mannheim als Opernsängerin und auch als Bühnenschauspielerin engagiert, wo sie den Theatermaler und späteren Technischen Direktor des Nationaltheaters Oskar Auer (1851-1923) heiratete. Später war sie Hofopernsängerin in München, ab etwa 1888 Gesangslehrerin am Konservatorium in Mannheim, ab September 1897 (1896?) als Hochschullehrerin am Dresdener Königlichen Konservatorium, 1909/10 bis 1913/14 am Stern’schen Konservatorium der Musik in Berlin und ab 1914 an der Kanadischen Musikakademie in Toronto, Kanada. Sie veröffentlichte etwa 1910 in einem Berliner Verlag Gesangsübungen. Aus Rezensionen:

„Die Verfasserin bietet eine zwar etwas unmethodische, aber bei verständiger Anleitung gewiß mit Nutzen verwendbare Sammlung ziemlich schwieriger Übungen zur Erwerbung und Entwickelung der Kehlfertigkeit; sie sucht also eine Seite der Gesangskunst zu fordern, die heutzutage mit Unrecht etwas aus der Mode gekommen ist.“

„Vorliegende, hauptsächlich wohl für Frauenstimmen gedachte Uebungen sind dazu angetan, eine lang empfundene Lücke in der Unterrichtsliteratur auszufüllen. Sie bieten Lehrenden wie Lernenden eine Fülle von Anregungen, die – das gilt besonders von den sehr instruktiven praktischen Beispielen – zu selbständigem Weiterarbeiten ermuntern. Das Büchlein kann aufs wärmste empfohlen werden.“

Anzeige in The Daily Record and The Dresden Daily, Sonntag, 13. Oktober 1907

Ottilie Ottiker (1847 Uster ZH, Schweiz – 16. April 1921 Zürich), Tochter eines Oberrichters, konnte dank Unterstützung durch ihre Eltern eine Gesangsausbildung in Genf und München absolvieren. Sie wirkte 1871 bis 1873 an der Hofoper in München, von 1873 bis zum 1. September 1879 am Mannheimer Nationaltheater. Bei einer Musikalischen Akademie im Theater am 30. Oktober 1873 traten Clara Schumann und Ottilie Ottiker als Solistinnen auf. Die Pianistin spielte unter anderem das Klavierkonzert a-Moll Op. 54 von Robert Schumann. Die Sopranistin interpretierte einige Lieder von Schumann, Brahms und Hauptmann. Ottilie Ottiker übernahm am 13. Februar 1875 in Mannheim bei der Uraufführung des Quartetts für Sopran, Alt, Tenor, Baß und Klavier Nr. 3, Fragen, aus Opus 64 von Brahms den Sopranpart. 1876 waren Johannes Brahms und Ottilie Ottiker im Saalbau in Neustadt an der Weinstraße auf der Bühne.

Am Nationaltheater Mannheim war Ottilie Ottiker als dramatische Sopranistin eine bevorzugte Sängerin:

  • Nach der Hauptrolle in Der Widerspänstigen Zähmung 1874 und 1875 sang sie
  • 1875 die Hauptrolle in der Oper Genoveva von Robert Schumann,
  • vermutlich ebenfalls 1875 die Eva in der Oper Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner,
  • 1877 die Hauptrolle in der Oper Franzeska von Rimini von Hermann Götz, Text von Hermann Götz und Joseph Viktor Widmann, Brahms war bei der Uraufführung anwesend,
  • 1878 die Hauptrolle in der Oper Aschenbrödel von Ferdinand Langers und schließlich
  • 1879 in den Opern Rheingold und Walküre von Richard Wagner (aus Der Ring des Nibelungen) die Freia und die Brünnhilde.

Der Mannheimer Hofkapellmeister Ernst Frank widmete ihr seine 12 Lieder, Op. 12, komponiert 1877.

August Knapp und Ottilie Ottiker in Die Meistersinger von Nürnberg, Nationaltheater Mannheim um 1875

Nach ihrer Mannheimer Zeit hatte sie am Stadttheater Köln und am Stadttheater Halle (heute Opernhaus Halle) weiterhin großen Erfolg. In Halle trat sie zum Beispiel 1888 in der Rolle der Senta in der Oper Der Fliegende Holländer von Richard Wagner auf. Von Köln und Halle aus kehrte sie mehrfach zu Gastspielen ans Mannheimer Nationaltheater zurück, um dort bei Der Widerspänstigen Zähmung immer wieder die Hauptrolle zu singen (bis mindestens 1890). Weitere Orte, an denen sie als Sopranistin tätig war, wohl vor allem in Form von Konzerten und Gastspielen, sind – alphabetisch – Berlin, Frankfurt am Main, Hannover, Karlsruhe, München, Rotterdam und in ihrer Heimat Zürich, wo sie zwischen 1877 und 1896 zu Gastspielen auftrat. Es wird erwähnt, daß sie irgendwo als Musikalische Leiterin tätig gewesen sein soll, ohne daß dies bisher durch Recherchen genauer geklärt werden konnte. In den 90er Jahren zog sie sich von der Bühne zurück und wirkte in Zürich als angesehene Gesangspädagogin.

Wie gut sich Ottiker und Brahms nicht nur musikalisch sondern auch freundschaftlich verstanden, zeigt eine Widmung, die die Sängerin dem Komponisten auf eine Portraitkarte von sich schrieb: „Dem liebenswertesten aller Wetterherrgöttle. Zur Erinnerung an den Sommer 1875 und an Ottilie Ottiker.“ Wie Brahms blieb auch sie ungebunden und unverheiratet.

Ottilie Ottiker

Zum Weiterlesen

Harald Pfeiffer, Johannes Brahms in Heidelberg und Ziegelhausen, 2008 (Stadtbücherei und UB HD)

Badische Landesbibliothek (Hrsg.), Johannes Brahms in Baden-Baden und Karlsruhe, Eine Ausstellung der Badischen Landesbibliotek Karlsruhe und der Brahmsgesellschaft Baden-Baden e. V., 1983

Hermann Götz bei Wikipedia

Hermann Goetz und Brahms und weiteres zu Goetz beim Brahm-Institut Lübeck

Bruno Weigl-Brünn, Hermann Gustav Goetz, Zur Erinnerung an seinen 30jährigen Todestag, in: Die Musik, Jahrgang 6, 1. Quartal, Band 21, 1906/1907, S. 217–226; Digitalisat (Permalink) bei Archive.org

Hermann Goetz – Der Widerspänstigen Zähmung bei Musikproduktion Höflich

Der Widerspänstigen Zähmung (Hermann Goetz) bei The Opera Scribe – englisch

Joseph Victor Widmann bei Wikipedia

Henriette Feuerbach bei Wikipedia

Anselm Feuerbach bei Wikipedia

Ernst Frank bei Wikipedia

Christoph Schmezer bei Wikipedia

Pfarrer Schmezer bei Neckarundsteinbach, Ziegelhausen

Julius Allgeyer bei Wikipedia

Hermann Levi bei Wikipedia

Fritz Auer (*1878), Schriftsteller, Sohn von Ida Auer-Herbeck bei Wikipedia

Zum Weiterhören

Hermann Götz, Der Widerspänstigen Zäumung:
Ouvertüre (Youtube, 5:58 Min.)
Die Kraft versagt, Arie der Katharine (Youtube, 6:27 Min.)

    Quellen

    Theaterzettel und weitere Informationen im Marchivum Mannheim

    Ekkehard Schulz, Brahms‘ Karlsruher Freundes- und Bekanntenkreis, in: Badische Landesbibliothek (Hrsg.), Johannes Brahms in Baden-Baden und Karlsruhe, Eine Ausstellung der Badischen Landesbibliotek Karlsruhe und der Brahmsgesellschaft Baden-Baden e. V., 1983, 35–57

    Frithjof Haas, Johannes Brahms und Hermann Levi, ebenda 58-82

    Emma Steiger, Frauenarbeit in Musik, Theater, Tanz, Schaustellungen, Film, Radio, Fernsehen, in: Zürcher statistische Nachrichten 37, 1960, 103-158, 109 u. 122

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    Karl-Josef Kutsch, Leo Riemens, Großes Sängerlexikon, Bd. 33

    Antje Kalcher, Dietmar Schenk, Vor der UdK, Die Lehrenden an den Vorgängerinstitutionen der Universität der Künste Berlin – ein Katalog, Schriften aus dem Archiv der UdK Berlin, Band 17, Berlin 2024, 342

    Mannheim und sein Nationaltheater, Menschen – Geschichte(n) – Perspektiven, Mannheim 1998

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    Florian Hauser, Egozentrik als Schutzhaltung? (Was heute geschah, 7. Januar 1888), BR Klassik 2022

    Beitrag ergänzt bis 28. August 2025

    Brahms in Ziegelhausen, Neue Musikzeitung 1916

    Der Bericht des Heidelberger und Mannheimer Kapellmeisters Karl Eberts über den Aufenthalt von Johannes Brahms in Ziegelhausen in der Neuen Musikzeitung 37, 1916, S. 30-32, wird viel zitiert. Warum aber soll man nur immer wieder Auszüge daraus aus zweiter Hand lesen. Der Text ist, wenn auch online vorhanden, nur umständlich aufzufinden. Das Urheberrecht ist längst erloschen. Daher stelle ich den Text hier her, damit er im Original und in voller Länge zu lesen ist. Immerhin hat Eberts in Ziegelhausen vor Ort nachgeforscht und konnte noch mit Zeitzeugen sprechen. Außerdem zeigt er das meines Wissens bis heute einzige erhaltene Bild des Brahmshauses.

    Joh. Brahms in Ziegelhausen.

    Von KARL EBERTS (Heidelberg).

    Des Meisters Aufenthalt in Ziegelhausen während der Sommermonate des Jahres 1875, also vor genau vier Jahrzehnten, pflegt im allgemeinen nur episodische Bedeutung beigemessen zu werden. Gewiß, das Wäschedorf am Neckar, der jetzige „Luftkurort“ Ziegelhausen, war kein Kehrreim in der Strophenreihe von Brahmsens Lieblingsplätzen, und nur kurz ist hier und da zu lesen, daß auf seine zweite Wiener Tätigkeit ein Sommer „in der Nähe von Heidelberg” gefolgt ist.

    Ganz selten haben auch Einzelpublikationen auf diese musikalischen Beziehungen Ziegelhausens hingewiesen. Der Straßburger Schriftleiter Schede und der frühere Heidelberger Universitätslehrer Koch benützten sie indes bereits vor Jahren als Feuilletonstoff, und auf den Ausführungen des letzteren ruht im wesentlichen das, was Kalbeck über den Sommer 1875 mitzuteilen weiß. Auch W. A. Thomas-San-Galli spricht sich in seiner 1912 erschienenen Brahms-Biographie sehr umfassend über Ziegelhausen aus, doch ist auffallend, daß sich unter dem überaus reichen Bildschmuck weder dieses, noch des gleichzeitig bei Schuster & Löffler erschienenen Brahms-Werkes eine Aufnahme vom Brahms-Hause am Neckar befindet, obgleich der Meister sich gerade über die Ziegelhäuser Tage stets nur in freudigster Begeisterung vernehmen ließ. Im übrigen glaube ich aus guten Gründen annehmen zu dürfen, daß die Ansicht des Hauses, die in Begleitung dieser Zeilen in der „N. M.-Z.“ erscheint, das erste veröffentlichte Bild des nunmehrigen Jubilars darstellt.

    Wer über die neue Brücke von dem Heidelberger Stadtteil Schlierbach kommend in Ziegelhausen seinen Einzug hält, wird das Haus nur mit einiger Mühe zwischen dem Postamte und der katholischen Kirche im Hintergrund eines Gartens liegend auffinden. Einstmals bildete es den Mittelpunkt und das Herrenhaus eines großen Ziegeleikomplexes, später bewohnte es der Porträtmaler Hanno, bei dem sich Brahms einmietete. In dem großen, fünffenstrigen Frontzimmer fand der von der Heidelberger Pianofortefabrik Gebr. Trau gelieferte Flügel neben den sonstigen, zum Teil noch heute vorhandenen Mobiliarstücken seine Aufstellung; ein kleines Vorzimmer, gleichfalls mit Porträtskizzen aus dem Atelier des Hausherrn geschmückt, diente zum Empfang offizieller Besuche, und mit ihrem nach drei Himmelsrichtungen ungehemmten Blick über den (jetzt leider parzellierten und größtenteils auch bebauten) Garten hinweg in das unermeßliche Grün der Odenwaldbergkette bildete die Wohnung eine „Komponierhöhle“, wie sie so recht für die Neigung des damals 42Jährigen Brahms geschaffen schien. „Ich wohne und lebe allerliebst, letzteres nur gar zu sehr,“ heißt es in einem seiner Briefe, und immer wieder geht vom Neckar aus an die Freunde und Bekannten die Einladung hinaus, ja nach Ziegelhausen zu kommen und diesen Fleck Erde kennen zu lernen.

    Brahms selbst kannte Heidelberg ja von früheren Jahren. Nach Robert Schumanns Beerdigung hatte es als Treffpunkt mit Joachim gedient, Vater Brahms mußte vor einer Schweizer Reise in der Requiemzeit das Heidelberger Schloß besichtigen, und von Baden-Baden und Karlsruhe aus bildete die Musenstadt am Neckar, allwo sich später einmal ein Konzert des Meisters unter für die Veranstalter nicht sehr ehrenvollen Umständen zerschlagen, haben soll, oft die Gelegenheit zu kürzeren Abstechern. Im Jahre 1875 war es Anselm Feuerbach, der Brahms veranlaßte, an den Neckar zu übersiedeln. Die beiden Freunde hatten sich in München getroffen, und alsbald meldete Feuerbach seiner in Heidelberg lebenden Mutter; „Brahms kommt.“ Natürlich ließ sich Brahms nicht in der Stadt festhalten. Die ländliche Stille an der wohlig-weichen Biegung des Neckars bei Ziegelhausen lockte ihn, und wenngleich hier die Geburtsstätte zweier der letzten Quartette (op. 60, c moll, op. 67, B dur), einer Anzahl Duette (op. 66) und Lieder („Abendregen“) gesucht werden muß, wenngleich hier in den Vormittagsstunden, in denen der Meister beim Genusse kleinerer Schlücke von starkem Kaffee emsig arbeitete, wohl noch weitere Skizzen zur ersten Symphonie entstanden sein mögen, jedenfalls übten die ungebundenen, heiteren, an Anregungen aus der Natur und aus Freundeskreisen so reichen Sommertage in ZiegeIhausen ihren erquickendsten Einfluß auch auf den M e n s c h e n Brahms aus, der manche unerfreuliche Erinnerungen an Wien und an den Gegenspieler Herbeck überwinden mußte. Was ich in den Häusern Hanno und Völker, wo Brahms ein regelmäßiger Gast war, über den Meister und sein Wesen in liebenswürdiger Weise mitgeteilt bekam, sind denn auch vorzugsweise Ergänzungen zu dem in seiner aufrechtesten Ehrlichkeit und in seiner rührend schlichten Größe bekannten Kapitel von Brahms dem Menschen und Freunde.

    Hier hört man von dem Interesse, das der Musiker der klavierspielenden Tochter entgegenbringt, nicht ohne auch eindringlich auf die für Frauen nicht minder wichtige Betätigung des Strumpfstrickens hinzuweisen. Neben manchen rührenden Zügen, die wie das wiederholt aus dem Anblick von hauswirtschaftlichen Vorgängen heraus erwachende Gedenken an die Mutter im Völkerschen, jetzt Eggenolfschen Hause in treuer Erinnerung festgehalten werden, treten Episoden von zwingender Heiterkeit. Ursprünglich wollte Brahms in der Pension Völker absteigen. Er besah sich die Zimmer zur großen Freude der Besitzerin, die es sich nicht nehmen ließ, darauf hinzuweisen, eine wie große Ehre es sich die gleichfalls im Hause wohnende Frau Geheimrat X. oder die Frau Sanitätsrat Y. daraus machen würde, mit dein Meister verkehren zu dürfen. Ein gedehntes „So“ war die Antwort des Besuchers, der nun schleunigst den Neckar zwischen sich und die verschiedenen Rätlichkeiten zu bringen für nicht minder rätlich hielt.

    Bei Völker war es auch, wo begeisterte Heidelberger Studenten die Reste einer von Brahms angesetzten Bowle austranken und sich mit einem Gedicht revanchierten, bei dem sich „Musensöhne“ auf „Meister der Töne“ und sonstige eherne Notwendigkeiten zur großen Erheiterung des Komponisten auf das glätteste gereimt haben sollen. Weniger Freude hätten nach der Rückkehr die übrigen Teilnehmer der Bowle empfunden, die inzwischen buchstäblich zur Tinte geworden war.

    Im Hannoschen Hause weiß man noch von den zahlreichen in- und ausländischen Fremden zu berichten, die sich Brahms „ansehen“ wollten und die meist mit einer langsamen und tiefen Verbeugung recht schnell abgetan waren, aber auch von dem Meister willkommenen Besuchern, zu denen die Familie Feuerbach, Herr und Frau Dessof, die Brüder Steinbach, der Verleger N. Simrock, der nach dem alten Fremdenbuch im Hotel Adler abgestiegen war, und der Mannheimer Hofkapellmeister Franck gehörten, der Brahms in Mannheim mit Götzens „Widerspenstiger“ und — mit zwei „allerliebsten“ Sängerinnen des Hoftheaters bekannt machte, in denen man wohl die Patinnen der Ziegelhäuser Duette zu vermuten hat. Diese „Klänge“ dürften bei gemeinsamen Kahnfahrten auf den „mit sanfter Stimme sprechenden und freundlich blickenden Wellen“ des Neckars die erste öffentliche Aufführung vor einer ahnungslosen Zuhörerschaft erlebt haben. Der liebste Besuch erschien Mitte Juli bei Brahms in Ziegelhausen. Es war Klara Schumann, die, wie auch Bertold Litzmann berichtet, auf einer Reise von Kiel nach Klosters im Hannoschen Hause, wo Brahms „ganz im Grünen eingeschlossen, still und sehr ländlich“ wohne, einkehrte. „Mit herzlichem Behagen,“ schreibt sie dann von Klosters, „denke ich an unseren schönen gemeinsamen Nachmittag. Deine Musik hat meine Seele wahrhaft erfrischt. Ueber das Quartett habe ich noch viel gedacht . . .“ Man wird sich hiernach schon vorstellen können, wie willkommen an diesem Tage der in der Nähe Ziegelhausens wohnende Freiherr v. B.1 gewesen sein mag, der just während des gemeinsamen Musizierens Herrn Brahms seine Aufwartung machte.

    Natürlich ist Brahms auch in Ziegelhausen seiner Lieblingsbeschäftigung, in Feld und Wald herumzustreifen, treu geblieben. Das idyllische Bärenbachtal mit seinen geschmeidigen Wiesen und der höher gelegene Tanzplatz waren die Lieblingsziele des Meisters, der manchmal zu seiner Ablenkung auch Dorfjugend mitnahm und sich mit kleinen Geschenken rasch so populär gemacht hatte, daß er sich eines Tages scherzhaft „reif für den Ziegelhäuser Gemeinderat“ nennen konnte. Ein Bild von Brahms jener Tage, das ihn, rechts gescheitelt, mit lang herabhängendem Haare, der geradezu herb gereiften Mundbildung und bartlos, nur mit den Ansätzen eines Schnurrbartes zeigt, hat soeben bei einigen älteren Einwohnern der Gemeinde — freilich ausschließlich Frauen —, denen ich es zeigte, ein freudiges Aufleuchten alter Erinnerungen hervorgerufen. „Ja, das ist der Herr Brahms.“ lachen sie, und die Köchin im Adler, die nach langen Irrfahrten seit einem Monat in diesem, jedem alten Heidelberger Studenten wohlbekannten Gasthofe, dem Tummelplatz ihrer Mädchenjahre, jetzt unter dem aktuellen Namen die „dicke Berta“2 das Kriegsmehl verarbeitet, nützt gerne die Gelegenheit, von den großen Sechseierpfannenkuchen zu erzählen, für die sich Herr Brahms dann auf ihr besonderes Bitten oft mit einem Walzer bedankt hätte. „Und wenn er spielte,“ sagt die Berta, „het mer kei‘ Händ‘ g’sehe . . .“

    In Ziegelhausen selbst ist das Brahms-Haus als solches wenig bekannt. Doch ist es mir gelungen, beim Bürgermeister des Ortes, Herrn Runz, sowie bei dem Vorstande des Verschönerungsvereines, Herrn Hauptlehrer Bahr, einem alten Musikfreunde und selbst ausübendem Musiker, Interesse zu erwecken für die Anbringung einer einfachen G e d e n k t a f e l. Der Plan, dem nach Beendigung des Krieges näher getreten werden soll, könnte inzwischen durch werktätige Mitarbeit in den Reihen der Brahms-Freunde nur gefördert werden.

    1. Franz Jacob Alfred Freiherr von Bernus (1808–1884), wohnte auf Stift Neuburg (Anm. d. Red.) ↩︎
    2. Der Formulierung nach ist wohl „die Dicke Berta“ gemeint, auf Hochdeutsch Berta Dick. Dies wurde vermutlich beim Abdruck des Artikels als vermeintlicher Fehler geändert. (Anm. d. Red.) ↩︎

    150 Jahre Brahms in Ziegelhausen

    Vom 20. Mai bis Mitte September 1875 weilte Johannes Brahms in Ziegelhausen. „Ich wohne und lebe allerliebst, letzteres nur gar zu sehr“ – so wohl fühlte sich Brahms hier bei uns in Ziegelhausen. Bekanntlich wohnte er im Hause des Malers und Kammersängers Anton Hanno und seiner Frau, das der katholischen Laurentiuskirche östlich benachbart stand. Zum 50-jährigen Jubiläum des Aufenthaltes 1925 wurde das Haus – leider nicht zum Museum gestaltet, sondern abgerissen. Die Tochter Hannos hatte noch alle Möbel der Brahmsstube an ihrer Stelle stehen lassen, auch das Tafelklavier war dabei. Leider kam es dann aber zu einem Besitzerwechsel. Das Haus stand weiter zurück als das heutige und davor lag ein schöner, ruhiger Garten mit altem Baumbestand. Dort traf man ihn „hemdärmelig, im leichtesten Gewand, auf einer Lattenbank sitzend, von einem dutzend schöner Tauben umschwärmt“ an.

    Johannes Brahms, etwa 1875

    Johannes Brahms (* 7. Mai 1833 in Hamburg; † 3. April 1897 in Wien) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Komponisten. Er ist ein Vertreter der Hochromantik. Ziegelhausen hatte er als Sommeraufenthalt ausgewählt, weil er auf seinen ausgedehnten Waldspaziergängen die besten Ideen für seine Kompositionen hatte. Eltville war auch in der engeren Wahl, aber: „Ich fürchte nur, wo der Wein so gut wird, entbehrt der Mensch des Schattens und erinnere nicht, daß hinter Eltville bald ein Wald sich findet.“ Außerdem war Heidelberg schnell zu erreichen, wo sich im Musiksalon von Henriette Feuerbach viele Künstler trafen und wo der Klavierbauer Johann Baptist Trau Klavierabende veranstaltete. Auch in die Oper im Nationaltheater in Mannheim ging er. In Ziegelhausen besuchten ihn zahlreiche seiner Freunde und Bekannten. „Heute waren Levi [Hofkapellmeister Mannheim, Karlsruhe, München] und Dessoff [Hofkapellmeister Karlsruhe] da, den Abend kommt Frank [Hofkapellmeister Mannheim], morgen zwei allerliebste Sängerinnen aus Mannheim – kurz es wird nur zu lustig gelebt.“ (aus einem Brief)

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    150 Jahre Brahms in Ziegelhausen